NAGAREMIZU-RYŪ AIKIBUDŌ
Die Schule und ihr Curriculum
Aikibudō ist eine traditionsreiche japanische Kampfkunst, welche als Vorläufer des modernen Aikidō bekannt ist. Bei der Nagaremizu-ryū im Speziellen handelt es sich um ein Nahkampfsystem, welches sich gegen Ende der 1980er Jahre unter Leitung von Gustav Udo Bender entwickelte und in der Erbfolge des Daitō-ryū Aikibudō sieht.
Den Schwerpunkt des Nagaremizu-ryū Aikibudō bildet die überwiegend waffenlose Nahkampfmethode aikijūjutsu. Rund 200 Techniken werden in Form festgelegter Bewegungsabläufe (kata) vermittelt und sind übersichtlich gegliedert: Shoden, chūden, okuden und kaiden bilden die vier übergeordneten Kataloge, die wiederum in kleinere Technikserien zerfallen. Aus der Übertragbarkeit der Prinzipien auf unterschiedliche Waffengattungen resultiert eine umfassendes Budō-System. Sechs gesonderte Disziplinen (betsuden) sind dem Umgang mit Stock (bō), Dolch (yoroidōshi) und Eisenfächer (tessen) sowie dem Faustkampf (kempō) gewidmet. Die praktischen Lehrgehalte werden ergänzt durch die Vermittlung von historischem Ideengut und die Unterweisung in der althergebrachten Energielehre aiki-inyōhō.
Zur Geschichte des Aikibudō
Dem Gründungsmythos zufolge liegen die Wurzeln des Aikibudō in einer göttlichen Kampftechnik namens tegoi, welche ebenfalls die sagenhafte Grundlage des sumō-Ringens bildet. Der Legende zufolge modifizierte Kaiser Seiwa im ausgehenden 9. Jahrhundert das althergebrachte Ringkampfsystem und schuf daraus eine Kampfkunst, die er an seine Nachkommen überlieferte. In der sechsten Generation gelangte die Tradition an Shinra Saburō Minamoto Yoshimitsu (1045-1127), der als hervorragender Bogenschütze und großer Stratege galt. Als dieser eine Spinne bei der Jagd beobachtete, offenbarten sich ihm die Mysterien der Harmonisierung entgegengesetzter Kräfte (aiki). Im Namen des gelehrten Aristokraten wurden die Techniken erstmals methodisch zusammengefasst. Das entstandene System erhielt in Anlehnung an seine Residenz die Bezeichnung Daitō-ryū.
Sein Sohn Minamoto Yoshikiyo wurde in die Provinz Kai verbannt und änderte seinen Familiennamen in Takeda. Zwölf Generationen später gelangte die Kampfkunst an den berühmten Kriegsherren Takeda Shingen (1521-1573). Vor der Niederlage des mächtigen Kriegerclans bei der Schlacht von Nagashino im Jahre 1575 wurde die Lehre von Takeda Kunitsugu nach Aizu gebracht, wo sie Jahrhunderte lang unter der Bezeichnung gotenjutsu weitergegeben wurde. Nur den Mitgliedern der daimyō-Familie und einer geringen Anzahl von Samurai war es gestattet, diese hohe Kunst zu erlernen. Darüber hinaus nahm das oshikiuchi des Aizu-Clans maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des Aikibudō. Am Hofe des Shōgun Tokugawa Ietsuna entwickelte dessen Halbbruder Hoshina Masayuki (1611-1672) Kampfttechniken, die eigens für den Gebrauch in den engen Kammern von Schloss Edo konzipiert waren. Die Daitō-ryū der Familie Takeda und das oshikiuchi des Lehnsherren Hoshina wurden zunächst separat überliefert.
Während der Meiji-Zeit verknüpfte Takeda Sōkaku (1859-1943) die beiden Systeme miteinander und unterrichtete diese Synthese unter dem Namen Daitō-ryū Aikijūjutsu. Auf seiner Kriegerwallfahrt (musha-shugyō) studierte er in den Schulen Kashima Shinden Jikishinkage-ryū, Hōzōin-ryū Takadaha, Kyōshin Meichi-ryū und Onoha Ittō-ryū. Sōkakus wohl bekanntester Schüler war Ueshiba Morihei, der Begründer des modernen Aikidō. Gleichwohl gab er die Tradition an seinen Sohn Takeda Tokimune weiter. Heutzutage gibt es mehrere Organisationen, die das martialische Erbe des Aizu-Clans weitertragen. Derzeitiges Oberhaupt (sōke-dairi) des Daitō-ryū Aikijūjutsu ist Kondō Katsuyuki.
Der Initiator des Nagaremizu-ryū Aikibudō, Gustav Udo Bender, begann 1969 mit dem Training des Nippon Jūjutsu und der traditionellen Kawaishi-ryū. Durch Kontakte der European Jujutsu Federation zum Nippon Seibukan in Kyōto lernte er die Prinzipien des Daitō-ryū Aikibudō und des Gojū-ryū Karate von Meistern wie Mochizuki Minoru und Suzuki Masafumi kennen. In den Folgejahren bereiste er Europa, um diverse Budō-Systeme zu studieren. 1988 begann er als Lehrer in verschiedenen Dōjō traditionellen Stockkampf (bōjutsu) zu unterrichten. Nur wenige Jahre später kam es im Rahmen der Verbreitung des Aikibudō in Deutschland zu einer engen Zusammenarbeit mit Meistern anderer ryūha, woraufhin sich die Stilrichtung Nagaremizu-ryū herausbildete. Heute versteht sich die Schule als lebendiges und zugleich traditionsgeladenes Kampfkunstsystem.