Tenjin Shinyō-ryū Jūjutsu

Die Schule und ihr Curriculum

Als Ursprungsschule des Kōdōkan Jūdō zählt die Tenjin Shinyō-ryū zu den bedeutendsten Nahkampfsystemen Japans. Die traditionsreiche Stilrichtung wurde in den späten 1810er Jahren von Iso Matauemon Ryūkansai Minamoto Masatari (1787-1863) entwickelt und integriert die Lehren der älteren Yōshin-ryū und Shin-no-Shindō-ryū.

Das Curriculum des Tenjin Shinyō-ryū Jūjutsu 天神真楊流柔術 umfasst über 120 Übungsformen. Durch die Kombination starker Tritte und Schläge (sappō) mit Wurf-, Halte- und Würgetechniken gestaltet sich das System als kraftvolle ryūha. Neben dem waffenlosen Nahkampf (sude) wird der Umgang mit Schwert (tachi), Kurzschwert (kodachi) und Schwertfänger (jutte) gelehrt. Darüber hinaus gehört das Tenjin Shinyō-ryū Jūjutsu zu den wenigen noch erhaltenen Stilrichtungen, in denen traditionelle Reanimationsverfahren (kappō) vermittelt werden. Das Training beruht wesentlich auf der Übung festgeschriebener kata, wozu Technikserien wie shodan, chūdan, nagesute und shiai-ura zählen. Durch die stete Wiederholung der Form werden Körper und Geist geschult sowie mentale Fähigkeiten für den Zweikampf ausgebildet. Anwendung erfahren die erlernten Methoden zudem im charakteristischen Freikampf (randori) der Schule.


Tenjin Shinyō-ryū Jūjutsu (ushirodori)
© Yokose Tomoyuki / Budōkan 2004

Zur Geschichte der Tenjin Shinyō-ryū

Im Alter von 15 Jahren begann Iso Matauemon (bürgerlichen Namens Okayama Hachirōji) mit dem Studium der Akiyama Yōshin-ryū unter Hitotsuyanagi Oribe. Nach dessen Tode erlernte er Shin-no-Shindō-ryū von Honma Jōuemon und meisterte die Geheimnisse (okugi) der Schule.

Die Yōshin-ryū wurde in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts von Akiyama Shirōbei Yoshitoki, einem Arzt aus Nagasaki, gestiftet. Die Maxime der Stilrichtung war das Urprinzip der Flexibilität. Als Vorbild diente der Weidenbaum, dessen schneebedeckte Äste ohne zu Brechen der Last nachgeben. Wenige Jahrzehnte später begründete Yamamoto Tamiza Hideya als dōshin-Wache am Schloss von Ōsaka die Shin-no-Shindō-ryū. Nach dem Studium der Yōshin-ryū unter Ōe Senbei reduzierte er die Techniken für sein System von 303 auf 68 kata.

Nachdem Iso Matauemon das Studium der Geheimlehren abgeschossen hatte, bereiste er die japanischen Provinzen, um seine Fertigkeiten mit den Meistern anderer Lehnsterritorien (han) im Duell zu messen. Der Überlieferung zufolge bleib er unbesiegt. So heißt es, dass er auf seinen Reisen in ein Handgemenge mit einhundert Personen verwickelt wurde, wodurch er die hohe Bedeutung von Schlägen und Tritten erkannte. Daraufhin entwickelte Iso Matauemon shin-no-ate, spezifische Tritt- und Schlagtechniken auf physiologisch schwache Punkte des Körpers. Er kombinierte die Lehren der Yōshin-ryū und der Shin-no-Shindō-ryū mit seinen eigenen Erfahrungen und schuf unter der Prämisse der Wirksamkeit ein unverwechselbares Jūjutsu-System.

Am Schrein Kitano Tenman-gū in Kyōto beobachtete er im Gebet versunken einen Weidenbaum. Starkem Wind ausgesetzt, bogen sich seine Äste auf flexible Weise, ohne dabei zu brechen. Hierdurch erlangte er Erleuchtung, die ihn zur Formulierung folgender Grundprinzipien führte: Mit fehlerfreier Haltung und flexiblem Körper gilt es, die Kraft des Gegners umzuwandeln und sein Gleichgewicht zu brechen. Dadurch sollen Schwachpunkte erzeugt und der Gegner kontrolliert werden. Daher ist jede einzelne Technik mit höchster Konzentration und Geistesgegenwart auszuführen. Infolge dieser Einsicht gab er seiner Schule den Namen: Tenjin Shinyō-ryū. Dazu kombinierte er den Götternamen tenjin mit den Namenselementen shin von Shin-no-Shindō-ryū und von Yōshin-ryū.

Später eröffnete Iso Matauemon in Edo ein Dōjō und unterrichtete dort über 5.000 Schüler. Ferner dozierte er am Kōbusho, der einflussreichen Militärakademie des Tokugawa-Shōgunats. In der ausgehenden Edo-Periode zählte das Tenjin Shinyō-ryū zu den bedeutendsten ryūha unter den etwa 170 existierenden Jūjutsu-Schulen.

Im Jahre 1877 schrieb sich Kanō Jigorō in die Tenjin Shinyō-ryū ein. Zunächst lernte er unter Fukuda Hachinosuke, anschließend unter Iso Matauemon Masatomo (3. sōke). Fünf Jahre später gründete Kanō auf Grundlage der Tenjin Shinyō-ryū und der Kitō Midare-ryū das Kōdōkan Jūdō. Noch heute ist der Einfluss der Tenjin Shinyō-ryū auf das Jūdō zu erkennen, so etwa in Wurftechniken wie seoinage oder in den Formen kime-no-kata und itsutsu-no-kata.

Mit dem fünften Oberhaupt, Iso Matauemon Masayuki, verlosch die sōke-Linie der Tenjin Shinyō-ryū endgültig. Das legitime Oberhaupt in der sechsten Generation war Kubota Toshihiro (shihanke), der die Tradition von Sakamoto Fusatarō erlernte. 1987 gründete Kubota-shihanke den Tenyōkai und das heutige Dōjō in Tōkyō. Der Shinmyōkan pflegt guten Kontakt zum Tenyōkai Japan. Nach dem Tode von Kubota Toshihiro im Jahre 2013 entstand ferner eine enge Kooperation mit dem Tenyōkai International unter Leitung von Paul Masters (shike).


Öffentliche Vorführungen

Nihon Kobudō Shinkōkai 65-nen Sōritsu Kinen-Taikai
(2. Juli 2000, Nakano Sun Plaza)

39. Daitō-ryū Aikijūjutsu Embu-Taikai
(16. Juli 1995, Katsushika-ku Sōgō Sports Center)